Man könnte Vieles bemängeln an Bozen, im Sommer 2026. Zum Beispiel kann man abends gegen 21 Uhr, obwohl die Sonne schon untergegangen ist und es eigentlich nur lau sein sollte, immer noch kaum atmen, wenn man die Leonardo-da-Vinci Straße von der Sparkassenstraße her hinübergeht, weil es in den heißen Dämpfen des Teers und des Beton keinen Sauerstoff mehr gibt. Das Ganze wird an drei Stellen noch intensiver. Zum einen dort, kurz bevor man an der Konditorei Lindtner vorbeigeht, denn hier wird Tag und Nacht gebacken. Die Fettmoleküle der Crostoli, Krapfen und Profiterols hängen sich innerhalb eines Radius von ungefähr 7 Metern an jedes erdenkliche Element, und man atmet während dieser paar Schritte nur Kuchen. Man isst ihn sozusagen, aber man isst ihn gasförmig. Wenn man die andere Straßenseite wählt, drängelt man sich an den entgegenkommenden Fußgängern und an Fahrrädern vorbei und geht dann über einen Schacht des Universitätskellers, in dem Pflanzen-Experimente durchgeführt werden. Die Gesichter der Menschen werden beim Überqueren dieses Schachts kurz in infrarotes Licht getaucht, das nicht besonders belebend wirkt, aber der Erforschung bestimmter Mechanismen dient. Im besten Falle sollten sie Aufschluss darüber geben, wie wir in Zukunft noch Landwirtschaft machen können. Deshalb muss man auch an diesem beispielhaften sauerstoffarmen Abend geduldig sein, und einfach die Luft anhalten, wenn man über das Gatter geht. Am besten hält man die Luft noch ein kleines bisschen länger an, weil der Dönerstand am Universitätsplatz seit ein paar Monaten gehörig Probleme mit seinem Abfluss und Kanalsystem hat, und der Geruch sich mit dem von gebratenem Dönerfleisch besonders bei 35 Grad auf allen erdenklichen Ebenen beißt.
Dann hat man es aber geschafft, sperrt die Tür zum Turm auf und fährt mit dem Aufzug in den sechsten Stock, von dessen Balkon aus man alles, was diese Stadt ausmacht, eigentlich nur lieben muss. Weite und Wind aus dem Sarntal, auch an diesen Tagen, Wald und Berg so nahe und die Dächer wie ein Meer.
Man fragt sich ja immer wieder, ob Bozen mehr Norden oder mehr Süden ist, und wahrscheinlich ist es von beidem viel. An solchen Sommertagen in diesem Jahr, ist Bozen natürlich sehr viel Süden. Denn obwohl man in den Rosengarten schaut, von dem sich das Meer schon vor Jahrmillionen zurückgezogen hat, kreisen und kreischen seit heuer in der Altstadt rund fünfzig Möwen. Während dieser doch beeindrucken Flugshow fragt man sich, warum wir unsere Stadt so versiegelt haben, warum wir nicht mehr Bäume gepflanzt haben. Warum wir die kühlende Wirkung von Eisack und Talfer dermaßen verschmäht haben, als wir die Flüsse ungenutzt und unterirdisch weggesperrt haben, um immer mehr Zonen entstehen zu lassen, die noch mehr versiegeln und uns die Luft abschnüren. Die unglaubliche Schönheit der glühenden Berge trifft erbarmungslos auf die gesundheitsgefährdende Realität des glühenden Siedlungsraumes – und diese Gleichzeitigkeit ist schwer auszuhalten.
Bozen scheint auf diese großen Probleme zwischenzeitlich keine guten Antworten zu haben, zumindest spürt man sehr wenig politische Ambition.
Während man also vergeblich hofft, dass unsere Stadt klima- und menschenfreundlicher wird, gibt es derweil eine Veränderung der ganz anderen Art. In der Museumsstraße, nahe des Obstmarkts, hat nämlich ungefähr während der zweiten großen Hitzewelle ein zweites Beate Uhse Geschäft eröffnet. Während am anderen Ende jener Straße, tiefgekühlt und konserviert, wie in Eis, unsere berühmte Gletschermumie liegt, wird es am anderen Ende, man kann es nicht anders sagen, noch heißer. Und das ist, bei aller Tragik dieses Sommers, nun ja, schon irgendwie auch lustig.