LA POSTA DI MONFORTE

3. Februar 2026

An einem stockdunklen Jännerabend fuhr ich mit meinem Vater bei Alba von der Autobahn ab. Wir waren auf der Rückreise aus dem Rhone-Tal, und weil wir uns in Tain Hermitage an diesem bitterkalten Wintertag nicht länger als notwendig aufhalten wollten, fuhren wir heimwärts. Ohne es ausgiebig zu besprechen, war uns beiden klar, dass wir kurz nach Turin abbiegen wollten. 

Die letzten Kurven entlang der Cascina Bussia fuhren wir sehr vorsichtig. Der Mond war nur eine kleine Sichel und erst ganz allmählich gewöhnten sich unsere Augen an die Dunkelheit. Langsam konnte ich die Hügellandschaft der Langhe erahnen. Sie wirkte weicher als sonst, weil etwas Schnee lag. Wir sprachen nicht viel und hingen unseren Gedanken nach, aber ich spürte, dass sich mein Vater bereits innerlich wärmte. Er dachte an Tajarin und Plin, an Vitello Tonnato, an diverse Brassati und an eine Flasche Barolo. An tief piemontesische Wärme. Einer unterlassenen Recherche meinerseits war es zu verdanken, dass wir schließlich gegen halb acht über die Piazza in Monforte fuhren. Hätte ich mich nämlich kurz informiert, wären wir wohl direkt bis Verona weitergefahren. Alle unsere Lieblingsorte waren im Winterschlaf. Nur in der Villa Beccaris brannte Licht (und auch nur in einem Teil des Anwesens). Dort ließen wir unser Gepäck und stiegen sofort wieder ins Auto. Die Luft war eisig und wir waren unfassbar hungrig. Bei dem kurzen Gespräch mit dem Rezeptionisten stellte sich heraus, dass wirklich nahezu alles geschlossen hatte und nur noch ein Lokal für unser Abendessen in Frage kam. Die Posta di Monforte, eine kleine Insider Legende, war das einzige Restaurant, das unseren Hunger nach Handfestem an diesem Abend stillen würde.
Von dem einstigen im Zentrum des Dorfes gelegenen Standort war die Posta schon vor Jahren weggezogen. Nun befand sie sich nur unweit der Ortschaft, mitten im Nirgendwo. Wir parkten und gingen den Kiesweg auf die Eingangstür zu. Das warme Licht des Lokals schimmerte zu uns heraus und das Haus mit seinen rosa Mauern wirkte wie in die Nacht gezeichnet. Noch bevor wir eintraten, wusste ich, dass wir Glück hatten.
 „Wieder einmal rettet mich ein Klassiker“, murmelte mein Vater, als er die Tür öffnete. Die Posta di Monforte ist der Inbegriff klassischer piemontesischer Küche. Alles, wovon man monatelang sehnsüchtig träumt, steht auf der Speisekarte. Und vieles davon, was man gern in seinem eigenen Keller hätte, steht in der dicken Weinkarte mit Ledereinband. Uns wurde der letzte freie Tisch zugewiesen – ein „Dazugeschwindelter“, wie meine Großmutter sagen würde – genau in der Mitte des Lokals. Wir saßen so zentral, dass es für einen Augenblick seltsam war. Aber nur kurz. Gleich darauf bestellten wir das menu tradizionale, beugten uns über die Weinkarte und versanken im Barolo Universum der letzten vier Jahrzehnte. Es war mein erster Besuch in der Posta und natürlich war ich von allem angetan. Von den herrlichen Düften, vom lauten Stimmengewirr, von den fröhlichen Gesprächen, von den einfachen weißen Tischdecken, die über alte Tische gelegt waren, auf denen wiederum mindestens eine Flasche Wein stand. Auf den meisten standen mehrere. Am Eingang hingen Erinnerungsfotos berühmter Gäste und an jeder Ecke standen Bücher. Die weichen Sessel waren einladend und gemütlich. Im Gang Richtung Speisesaal war ein wunderbarer Käsewagen geparkt. Ein gutes Restaurant mit interessant sortierter Bibliothek und großem Käsewagen – ich war begeistert. Es war klar: sobald man die Posta betreten hatte, wollte man nie wieder gehen.

Der erste Eindruck bereitete mich aber nicht ausreichend auf den Antipasto vor, der uns serviert wurde… La Cipolla ripiena! Mein Vater begann zu lachen. Wenn er das macht, kneift er seine graublauen Augen zusammen, seine Wangen bekommen noch ein bisschen mehr Farbe als gewöhnlich und seine tiefe Stimme schallt durch den Raum. Ich liebe es, wenn das passiert. In jenem Moment lachte er über die Tatsache, dass wir vor einer riesigen, köstlich duftenden, mit Käse und Salsiccia gefüllten und überbackenen Zwiebel saßen. Er lachte, weil wir beide nicht dafür bekannt sind, große Mengen zu vertilgen, und auf uns noch fünf weitere, ähnlich reichhaltige Speisen warteten. Und dann war ja noch der Käsewagen …
Es wurde ein wunderbares Abendessen. Schwer, lang, herausfordernd – aber unvergesslich. 

Von da an hieß es: Heim über Monforte. Und wenn Monforte, dann immer zur Posta.