EIN ANFANG

9. Dezember 2025

„Mich wundert, dass sich niemand mehr wundert“ 

                 _ Ilse Aichinger

Seit Jahren denke ich darüber nach, einen Ort für die kleinen Details meines Alltags und ausführlichere Erzählungen zu schaffen. Es mag altmodisch sein und manchmal habe ich auch das Gefühl, ich passe nicht wirklich in diese Zeit, aber ich glaube fest, dass die allermeisten Geschichten weit mehr brauchen, als die 15 Sekunden eines Kurzvideos. In meinem Leben, bei uns am Weingut, passiert sehr viel. Vieles davon ist nie wirklich sichtbar, und das allermeiste dauert länger. Bei Rebstöcken denkt man in Jahrzehnten. Mein Vater baut Mauern mit der Technik der alten Römer, die eher weitere 400 Jahre so dastehen werden, als nur die nächsten 40. Ich hab Sympathie fürs Langwierige und ich mag das Unsichtbare.

Es ist eigentlich nicht verwunderlich, dass sich Wein-Menschen mit so vielen anderen Welten verbinden wollen. 

Wein selbst ist Verbindung: eine Reise durch die Zeiten, vom Anfang, als jemand auf die sonderbare Idee kam, Lianen zu domestizieren und ihre Früchte zu vergären, bis zur Versteigerung von burgundischem Besonderen in fünfstelligen Beträgen. Wein ist Kulturgeschichte, Spiegel von Menschlichem und wohl auch Berührung mit dem Göttlichen, er erzählt die Welt und reist um sie herum, und er schließt immer wieder Türen auf. Er lebt in der Literatur, in und mit der Kulinarik, er ist Teil und Ergebnis der Landwirtschaft, der Geschichte, er erzählt auch die Erdgeschichte, er ist Kultur. Er berührt Vieles. Und ganz wie die Speisen, die er begleitet, berührt er uns Menschen. Das ist ganz wörtlich zu verstehen: sobald wir ihn schlucken, berührt er uns innerlich.
Im Journalismus, in der Kunst, in gestalterischen Berufen sind ständige Themenwechsel und wilde und weite Querverbindungen häufig und eigentlich, essenziell. Weinbäuerinnen, die das machen und auch erzählen, sind leider deutlich seltener. Dabei ist das Leben am Weingut, dieser Beruf, unglaublich gestalterisch. Und doch hab ich mich nie getraut, diese Zeilen zu schreiben, weil sie ja in kein richtiges Format passen. Es ist auch nicht zwangsläufig Teil meiner Arbeit und eigentlich macht es sonst auch keiner. Vielleicht auch deshalb nicht, weil scheinbar die Zeit dafür nie richtig da ist. Aber – vor lauter Arbeit rauschen die Tage, Wochen und Jahre nur so vorbei. Und im digitalen Kosmos ist es noch viel intensiver, Menge und Geschwindigkeit nehmen nochmal zu; es ist viel, komplex und unübersichtlich. Was bleibt denn davon in unseren Köpfen und Herzen, woran erinnern wir uns?

Ich glaube, wir brauchen kleine Anker. Und ich glaube auch, dass es ganz wichtig ist, von Begeisterungen zu erzählen; ebenso von Störgefühlen und den großen und kleinen Aufregern. Im Weinbau verbindet man sich immer wieder mit seiner unmittelbaren Umwelt. Man berührt. Man hält fest. Warum dasselbe nicht auch mit Wörtern versuchen?