Kürzlich zog es mich nach Osten. Mindestens einmal im Jahr, am liebsten um Weihnachten herum, kann ich nicht anders und sehne mich nach einer Dosis Wien. Ein Nachmittag im Prückel, eine Runde im Kunsthistorischen oder im Leopold Museum, ein Stehplatz im Musikverein, ein Glas Veltliner im Kameel, ein neues Lokal, diverse letzte Biere im Anzengruber. Diese Kombination stillt meine Sehnsucht meist sehr erfolgreich.
Dieses Mal war die Zeit besonders knapp bemessen, und außerdem hatte ich einen väterlichen Auftrag: für unsere Rebsorten Experimente brauchten wir ganz unbedingt um die dreisig Furmint Reben. Das Pflanzmaterial sollte aus der ungarischen Tokaijregion stammen (Bedingung meines Vaters), wo die größte genetische Diversität im Pflanzmaterial zu erwarten ist (oberste Priorität bei unseren Sorten-Versuchen).
Furmint ist relativ trockenresistent und reift spät, das sind in Zeiten von Klimawandel erstrebenswerte Eigenschaften. Außerdem legen neue Studien nahe, dass die Rebsorte eine besondere Fähigkeit im Umgang mit Phytoplasmosen entwickelt hat. Das ist interessant, weil der europäische Weinbau gerade besonders unter der Goldgelben Vergiftung (flavescence dorée) leidet, einer von Phytoplasmosen ausgelösten und bedrohlichen Rebkrankheit, gegen die es bisher, außer der sofortigen Rodung der Stöcke, keine gute Strategie gibt.
Das Burgenland hat innerhalb Österreichs die längste und ausgeprägteste Furmint-Tradition, durch seine ungarischen Nachbarn sitzt es auch direkt an der Quelle. Dort haben wir an einem grauen und windigen Novembertag unsere Jungpflanzen abgeholt, dann bei Max Stiegel im Gut Purbach gegessen (das ist eine andere Geschichte), und anschließend wurden die kleinen Reben 600 Kilometer nach Süden gefahren. Hier, im sonnigen Girlan, warten sie jetzt darauf, ausgepflanzt zu werden.
Ich glaube, sie werden sich ein kleines bisschen wundern, wenn sie im Frühling ihre ersten Blätter sprießen lassen:
da werden sie auf einmal Teil eines bunt gemischten Weinbergs sein und irgendwo zwischen Ribolla Gialla und Trebbiano wachsen.
Ich bin gespannt, wie sich die neuen Nachbarn verstehen werden und was sie uns in den nächsten Jahren alles erzählen werden.
erste Feldversuche der etwas anderen Art